Friedensgebet am 06.04.2020 - Martin Becker allein in der Kirche

Liebe Friedensmenschen. Es ist Palmsonntag und die Heilige Woche beginnt.

Wir erinnern uns an Jesu Leiden und seinen Kreuzestod, an die Ermordung von Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King.

Lieber Gott,
einige von uns sind erschöpft vom ständigen Strom schlechter Nachrichten
Einige von uns sind erschöpft von der Anstrengung, nicht auszuflippen.
Einige von uns sind erschöpft, weil sie nicht wissen, wie wir die Miete bezahlen sollen.
Einige von uns sind erschöpft von der Anstrengung, Kinder, die zu Hause festsitzen, zu unterhalten, zu erziehen, zu ernähren und zu lieben.
Einige von uns sind erschöpft von den 13-Stunden-Schichten in einem Krankenhaus, das wir nicht mehr wiederkennen. Während wir einen Job haben, von dem wir befürchten, dass er uns töten könnte.
Einige von uns gerieten in diese Pandemie mit bereits bestehenden körperlichen und geistigen Erkrankungen, die schon vorher anstrengend waren.
Einige von uns sind von der Einsamkeit erschöpft.
Einige von uns sind erschöpft, weil wir so lange auf einen Neuanfang von Nachfolge warten.
Und einige von uns sind erschöpft von der Anstrengung, dies alles für andere erträglich zu machen.
Das Leben ist gerade so angespannt und zart.
Ich weiß, dass keinem von uns ein anderer Tag versprochen wird, Gott.
Aber ich bitte um die Kraft nur für den einen, in dem wir uns befinden.
Gib uns heute unsere tägliche Kraft.
Kraft für heute, und wenn du sie überhast, strahlende Hoffnung für morgen.
AMEN.
PS.: HOSANNA in der Höhe!

1

Alles ist anders jetzt. Vielleicht legst du heute deine Kleider auf den Boden. Von der Wohnungstür bis zu dem Ort, an dem du betest: den Kimono mit den Blumen, ein Shirt mit Pailletten, deine liebste Jogginghose, den rosa Hoodie, Großmutters Schal, selbst gestrickt.

Schaust zur geschlossenen Tür und hoffst, dass er kommt:

Der auf dem Esel. Der durch Wände gehen kann. Und heil machen.

 

2

Alles ist anders jetzt.

Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

(Markus 14,3-9)

 

3

Alles ist anders jetzt.

Du weißt nicht, was kommt. Jeder Tag ist anders. Auch dieser. Der auf dem Esel saß, sitzt nun am Tisch. Ist bis zu dir gegangen über Blumenstoff und Pailletten - durch Wörter, Zeiten, Wände. Wird sterben. Wird leben.

Alles ist anders, aber eins ist gleich:
Dass es Schönheit gibt und Würde. Auch jetzt.
Es gibt ein großes unsichtbares Wir und Nardenöl und Alabaster.
Klaviermusik, live gestreamt
Kleine Gedichte über Kamille.
Weil Sonntag ist: die Haare geflochten und die Lippen geschminkt.
Birigt Mattausch

 

 

In heillosen Zeiten
Da kommt unser Herrscher
mit tapferen Kriegern,
mit feurigen Rössern
und den Zeichen der Macht.

Er will uns beherrschen –
in heillosen Zeiten.
Da kommen die Sternchen,
die Gladiatoren,
auf rotem Teppich
unterwegs zum Erfolg.

Sie wollen unseren Applaus –
in heillosen Zeiten.
Da kommen die Sterne
mit großen Motoren,
die neuste Version
über Nacht in dein Haus.
Sie wollen unser Geld –
in heillosen Zeiten.

Die Rösser verschwunden,
die Sterne im Stall.
Auf dem Rücken eines Esels,
halb Gott und halb Clown.
Er will, dass wir heil sind –
in heillosen Zeiten.

Kostbar war der Moment, als sie das Haus betrat, das Salböl in den Händen, um Liebe zu verschwenden. Kostbar war der Moment. Gepriesen, was sie tat.

Auf einmal steht sie da und es wird still im Haus. Eine Frau, anmutig, geheimnisvoll, stark. Wie sie heißt, wissen wir nicht. Was sie tut, das tut sie leise, aber ihre Handlung hat eine unbändige Kraft. Sie hält eine kostbare Flasche Öl in der Hand. 300 Denare ist es wert, einen ganzen Jahreslohn hält sie in den Händen. Ohne zu zögern zerbricht sie die Flasche und salbt Jesus. Was die anderen im Raum noch nicht wahrhaben wollen, das sieht diese Frau klar: Jesus wird sterben. Und weder Schönreden, noch Wegducken, noch Klagen wird irgendetwas an dieser Tatsache ändern. Unsere Zeit, sie ist jetzt. Sie ist nicht morgen und nicht übermorgen, sie ist da und wie lange sie dauern wird, das können wir nicht wissen. Der Raum füllt sich mit dem wunderbaren Geruch des Öls. Es ist, als würde die Welt für einen Moment anhalten. Jesus lässt es sich gefallen, und für einen Moment ist er der König, den bis jetzt keiner in ihm sieht.

Kostbar war der Moment als sie mit leichtem Gang die Mauer der Bedenken durchschritt, um Trost zu schenken. Kostbar war der Moment. Für sie ein Lobgesang.

Scherben, Tränen, Liebe, Verzweiflung und Trost. Diese Szene beschreibt das Leben in seiner ungebremsten Kraft. Hier plätschert nichts vor sich hin. Wir hören von einem der kostbarsten Geschenke, die ein Mensch einem anderen Menschen machen kann: Trost geben im Angesicht des Todes. Und es bricht mir das Herz, wenn ich an die vielen Menschen denke, die ihrem eigenen Tod gerade ins Auge blicken: Auf den Intensivstationen auf der ganzen Welt, die nur mit Smartphones in den Händen letzte Worte an ihre Liebsten richten können. Da ist keine Berührung, da ist kein Lächeln, da ist keine Hand, die dich hält. Sie müssen alleine sterben. Allein mit dem Tod sind die Sterbenden und allein mit der Trauer sind die, die zurückbleiben. Scherben, Tränen, Liebe, Verzweiflung - wo bleibt der Trost? Wer kann ihn uns geben?

Kostbar war der Moment, als sie das Siegel brach und Duft das Haus erfüllte, sie zärtlich Ängste stillte. Kostbar war der Moment. Erinnerung wirkt nach.

Wir wissen nicht, ob der Tod morgen kommt. Aber er rückt näher an uns heran und wir können nur hilflos aushalten, dass wir nichts wissen, dass wir keine verlässlichen Prognosen haben, und dass alles anders kommen könnte, als wir uns das erhoffen. Wie kostbar Zeit ist, das erleben wir jetzt schmerzlich.

Die Frau verwandelt ihre Hilflosigkeit in Liebe. Sie gibt alles, was sie hat. Symbolisch ist das die teure Flasche Öl. Sie gibt, was sie geben kann. Sie verschwendet ihre Liebe.

Wir sind keine Maschinen. Wir können unsere Angst nicht auf Knopfdruck in Zuversicht verwandeln und unsere Hilflosigkeit in Mut. Aber das große Vertrauen dieser Frau und das Wirken des Geistes in diesem so kostbaren Moment, von dem wir lesen, können uns Wegweiser sein für unseren ganz eigenen Weg durch diese schwere Zeit. „Gott gibt uns Schweres auf,“, heißt es im 68. Psalm, „aber er hilft uns auch tragen“.

Kostbar war der Moment, als Jesus sie bewahrt, sie schützte und sie ehrte, als sie sein Danken hörte. Kostbar war der Moment, als Gott den Raum betrat.

Bente Petersen