Völkerverständigung mit Gutsle und Tee
Beim Friedensgebet in der St.-Gallus-Kirche waren viele Muslime und
Muslimas dabei, auch sie trugen ihren Teil zur Adventstafel bei
Welzheim. Liebe geht durch den Magen – Völkerverständigung offensichtlich auch. Den aromatischen Tee aus der Türkei schätzen die Teilnehmer/innen am Friedensgebet in der St.-Gallus-Kirche ebenso wie das schwäbische Weihnachtsgebäck. Auch Martin Becker, Leiter der Veranstaltung, ist ein großer Fan von türkischem Essen. Die Türken selbst mochte er früher aber nicht besonders. Ich hatte früher keine besondere Sympathie für Türken“, sagt Martin Becker. Er hatte Berührungsängste und Vorurteile, die ihn davon abhielten, mit Menschen dieser Nationalität in Kontakt zu treten. Das ist aber lange her. Heute hat er gelernt, türkischstämmige Mitbürger zu respektieren und zu mögen – ohne sie missionieren zu wollen. „Es ist wichtig, dass wir die gegenseitige Angst voreinander abbauen“, sagt er auch in seiner Predigt beim Friedensgebet.
Etwa 120 Muslime und Christen füllen die Kirche. Frauen mit Kopftüchern sitzen in den Kirchenbänken. Mit den deutschen Kirchenliedern tun sie sich allerdings schwer. Doch darauf kommt es hier nicht an. Vielmehr geht es darum, ein gemeinsames Zeichen für den Frieden zu setzen – auch für ein friedliches Nebeneinander zwischen Muslimen und Christen, das seit dem 11. September 2001 doch sehr gelitten hat.
Nur Kalorienbomben in der Kirche entdeckt
„Die einzigen Bomben, die ich hier entdeckt habe, sind Kalorienbomben“, scherzt Becker mit einem Blick auf das Büfett. „Ihr braucht keine Angst voreinander zu haben.“ Er ruft zur gegenseitigen Wertschätzung auf und ist sich sicher: „Wenn wir einander besuchen, besucht uns Gott.“
Nicht nur hier lauschen die Menschen in der Kirche den völkerverständigenden Worten eines Predigers, sondern in ganz Baden-Württemberg. Jedes Jahr am Montag nach dem zweiten Advent rufen die Glocken um 18.30 Uhr im ganzen Ländle zum Beten für den Frieden auf. Dazu bilden die Besucher in der Welzheimer Kirche einen Kreis um den Altar und zünden Kerzen an, die in bunten Gläsern stecken. „Sie tragen die Farben des Regenbogens“, erklärt Becker. Sie seien das Symbol für die Vielfalt.
Nach dem gemeinsamen „Vater unser“ und der Segnung des Laienpredigers geht’s ans Büfett. Dort warten Springerle, Vanillekipferl und Nussecken neben Börek (gefüllte Teigtaschen) auf der Adventstafel. Die Damen mit den Kopftüchern lassen den heißen Tee aus dem Samowar laufen. Eine junge Frau mit einer schicken Strickmütze ist auch unter ihnen: Ayse Akdag.
„Als ich zum ersten Mal in eine Kirche kam, fiel mir vor allem die Kälte auf“, erinnert sie sich. Moscheen haben nämlich einen Teppichboden und sind gut beheizt, weil die Schuhe vor der Tür bleiben müssen. Seit sieben Jahren ist sie beim christlich-muslimischen Dialog in Welzheim dabei. „Heute fühlen wir uns alle in einer Kirche genauso wohl wie in der Moschee“, so Ayse Akdag.
Dass es in der Schweiz so eine Aufregung um Minarette gab, versteht die junge Frau nicht. „Ein Minarett allein macht für mich keine ganze Moschee aus“, sagt sie. Außerdem gebe es Wichtigeres, über das man sich streiten könne. Die Stigmatisierung von Moslems fühle sie aber oft deutlich: „Man fühlt sich manchmal wie abgestempelt.“
Hier ist das anders. Alle sind herzlich willkommen und lümmeln gemeinsam locker auf den Kirchenbänken herum. Es wird viel gelacht. An einem der Tische steht auch Petra Fritz, Sekretärin im Pfarramt. Auch sie hat schon mal einen Schritt in die Welt der fremden Religion gewagt und die Welzheimer Moschee besichtigt. „Ich war ganz beeindruckt von dem vielen Blau“, sagt sie. Das sei schon etwas anderes als in den kargen evangelischen Kirchen. Das Schuhausziehen fand sie aber nicht komisch. „Das kenne ich aus der Turnhalle“, schmunzelt sie. „Das war kein Problem.“
An seiner Teetasse nippt auch Michael Sauter im Gedränge um die Leckereien. Er ist sich sicher, dass die Liebe – also auch die zu anderen Völkern – durch den Magen geht. „Ich liebe türkisches Essen“, sagt er. Den Konflikt zwischen Christen und Muslimen versteht er aber nicht. „Wir haben doch alle den gleichen Gott“, so Sauter. „Wir sollten lieber Kompromisse finden, als uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.“
Mit dieser Meinung trifft er hier auf Gleichgesinnte. Rifat Bukkal, der Dialogbeauftragte der Welzheimer Moschee, hat beispielsweise auch kein Problem damit, ein christliches Weihnachtssymbol am Ausgang zu verteilen. Einen Strohstern darf nämlich jeder mit nach Hause nehmen.