Gutsle
Welzheim (fg).
Das ökumenische Friedensgebet hat zusammen mit dem evangelsichen
Frauentreff und interreliglösen Dialog in der St.-Gallus-Kirche die fünfte
Adventsfeier mit türkischem Tee und schwäbischen Gutsle am Nikolaustag
gefeiert.
„Eigentlich jagt man bei einem solchen Wetter keinen Hund vor die Tür", meinte der Beauftragte für Friedensgebet und Interreligiösen Dialog Martin Becker an diesem Nikolaustag. Schnee, Matsch, Eisregen und Glatteis hielten manchen treuen Friedensgebetbesucher davon ab, an diesem Abend das Haus zu verlassen. Dennoch war die Kirche mit weit mehr als hundert Besucherinnen und Besuchern sehr gut gefüllt. Überwältigend angesichts des katastrophalen Wetters und zeugt von der Verbundenheit mit dem Friedensgebet und der großen Bedeutung der Adventsfeier für viele Menschen. Martin Becker freute sich darüber sehr und deutete das unschöne Wetter mit Humor: „Das Glatteis ist ein gutes Gleichnis für die Arbeit im Interreligiösen Dialog und für das Zusammenleben von Menschen aus den Kirchen und der Moschee in Welzheim. Manchmal ist der Boden rutschig und es geht nur langsam voran, aber wir kommen vorsichtig zum Ziel." Nach einer neuen Studie haben die meisten Deutsche Bedenken gegenüber dem Islam im Land. Das Christentum ist derzeit die am meisten verfolgte Religion weltweit. Besonders in islamischen Ländern gibt es für Christinnen und Christen Nachteile, die bis zur Todesstrafe führen. „Darum ist es mir wichtig, durch diese gefühlten frostigen Wetterverhältnisse zu gehen, einander zu begegnen und so versuchen durch menschliche Wärme eine Art Tauwetter zu leben", führt Martin Becker weiter fort und berichtet, dass erst kürzlich eine Person abends eingeschneit vor seiner Haustür stand, ihm ein Hutzelbrot fürs Friedensgebet überreichte und meinte, dass sie es eigentlich nicht so arg mit Türken hätte, sie sei noch nicht so weit, findet aber das was an der Adventsfeier geschieht gut.
Die St.-Gallus-Kirche war für diesen Abend von Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Friedensgebets, des Interreligiösen Dialogs und des Frauentreffs liebevoll geschmückt worden. Im Samowar dampfte von Muslimas vorbereiteter türkischer Tee.
Mit dem Läuten der Kirchenglocken wurde es im Raum andächtig still. „Dass so viele Menschen bei dem Wetter gekommen sind, das ist einfach toll. schwärmte eine erstaunte Besucherin. Frau Eleonore Holzner hatte sich aus dem sonnenverwöhnten Badischen in den in sibirische Kälte gehüllten Welzheimer Wald aufgemacht und trug begleitet von Dorothee Kimmerle adventliche Sologesänge vor: „Wachet auf ruft uns die Stimme", „Tochter Zion" und den Lobgesang der Maria.
Zusammen mit dem katholischen Pfarrer Jephrin Monis entzündete Prädikant Martin Becker die Altarkerzen und sprach das Lucernarium: „Jetzt, da die Sonne zurückgedrängt wird vom wachsenden Dunkel winterlicher Nacht,
begegnest Du uns Gott mit deiner liebevollen Verheißung. Segne uns diesen Advent und schenke den Menschen aus allen Völkern und Religionen dieser Stadt Einheit und Frieden." Gebete, Gesänge und eine Lesung aus dem Evangelium über den Einzug Jesu in Jerusalem folgten.
In seiner Ansprache erinnerte Martin Becker an den Heiligen Nikolaus von Myra, dem heutigen Demre in der Türkei. Dieser besondere Bischof verteilte seinen Reichtum heimlich an die Armen und begegnete jedem Menschen voll Ehrfurcht. Ihm war es wichtig die Worte von Jesus zu leben: „Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich beherbergt. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht."
Bürgermeister Thomas Bernlöhr überreichte im Namen des Landes Baden-Württemberg Dank und Anerkennung in Form einer Urkunde, unterzeichnet vom Regierungspräsidenten Johannes Schmalzl, für das Engagement des Friedensgebets und des interreligiösen Dialogs Welzheim. Dabei würdigte Bürgermeister Thomas Bernlöhr das ausgewöhnliche Engagement Martin Beckers und nannte das Friedensgebet und den Dialog einen wesentlichen Beitrag zum sozialen Frieden in der Stadt. Die interreligiöse Gemeinde applaudierte und Martin Becker gab den Dank an die Anwesenden weiter „ohne Sie, die Menschen in dieser Kirche wäre all das nicht möglich", und meinte weiter „Ihnen, uns, gehört die Urkunde."
Der Vorstand der Moschee Yusuf Dagdeveren kam gerade wenige Stunden zuvor als Pilger von Mekka zurück und zeigte sich tief beeindruckt von dem Zusammensein von christlichen und muslimischen Männern und Frauen in einer Kirche. „Ein einmaliger und wunderschöner Abend für mich, nachdem ich meine Pilgerfahrt abgeschlossen habe."
Vielen wurde es richtig warm ums Herz, als sich alle Anwesenden mit einer Kerze in der Hand um den Altar versammelten und gemeinsam das Vaterunser beteten. Die muslimischen Gästen machten mit und es war etwas vom Weihnachtsfrieden und dem aufeinander zugehen zu spüren. Ein Zeichen der Wertschätzung, ganz einfach, doch tiefgehend.
Dann würde das Gutsle-Buffet, das um den Taufsteingruppiert war, eröffnet. Von zuhause hatten die Friedensgebetsbesucherinnen und -besucher selbstgebackenes Gebäck mitgebracht und nun zwischen Christen und Muslimen, Christinnen und Muslimas geteilt, miteinander geplaudert und türkischen Tee getrunken. Es dauerte nicht lange, bis die gewaltige Menge an Süßigkeiten verspeist war. Dazu trug auch die liebevolle Dekoration durch den Frauentreff bei und die herzliche Art wie die Muslimas Tee servierten. Da war sozusagen Tauwetter in den Herzen und Seelen der Menschen. Eine ehemalige Konfirmandin beschrieb dies so: „Schon seit einer Weile bin ich konfirmiert. Doch zu der Adventsfeier mit den Muslima komme ich gerne. Es ist eine so angenehme warmherzige Stimmung."