Reichspogromnacht - 70 Jahre
Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Welzheim hat den 70zigsten Jahrestag der Reichspogromnacht begangen.
Der evangelische Pfarrer Jürgen Ebert brachte die Idee eines Friedensweges, anlässlich der Ökumenischen Friedensdekade und des 70zigsten Jahrestages der Reichspogromnacht, aus seiner zu vorigen Pfarrstelle in Spaichingen mit hier her. Laien der Arbeitsgemeinschaft griffen diesen Vorschlag auf und bereiteten einen ökumenischen Friedensweg durch Welzheim vor.
In einer sternenklaren Novembernacht trafen sich fast 200 Menschen auf dem neu angelegten Schotterplatz am Feuersee. Diakon Alfred Teply hatte ein an der Osterkerze der Christkönigskirche entzündete Kerze mitgebracht. Es brannte nur ein einziges Licht und in die in Dunkelheit stehende Mengenmenge wurden Gedanken und Gebete des Gedenkens an die Zerstörung und Schändung jüdischer Gotteshäuser, sowie der menschlichen Opfer der so genannten Reichskristallnacht gesprochen. Bewegend war, wie sich der Platz langsam erleuchtete, in dem ein Teilnehmer nach dem anderen ein mitgebrachtes Licht an dem Osterlicht entzündete. Darunter auch einige muslimische Mitbürger. Mit diesen Kerzen zog sich eine lange Prozession zum Welzheimer Rathaus. Herr Reinhold Kasian, als Vertreter der bürgerlichen Gemeinde und Stadträtin Frau Emmi Schweitzer verlasen dort Texte. Höhepunkt vor dem Rathaus war, dass bekannt gegeben wurde, dass nun endlich auch in Welzheim ein Stolperstein gesetzt werden kann.
Dann zog der Friedenweg weiter auf den Marktplatz. Hier stand einst das KZ Welzheim. Lediglich eine kleine Tafel am Notariat erinnert daran. Schülerinnen und Schüler hatten mit Ihren Lehrerinnen und Lehrern diese Station bewegend vorbereitet. Sie zitierten aus Berichten über Welzheimer Bürgerinnen und Bürger, die während des „Dritten Reiches“ als Regimegegner denunziert wurden. Darunter auch ein mutiger Mensch, der in einem Welzheimer Teilort Juden Unterkunft gewährte. Diese Station wurde mit Paul Celans Todesfuge abgeschlossen: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.
Die letzte Station befand sich vor der St.-Gallus-Kirche. Der Friedensweg stand schweigend vor der verschlossenen Tür des Gotteshauses. A.C.K-Beauftragter für das Friedensgebet Herr Martin Becker sprach darüber, dass das verschlossene Portal daran erinnert, dass die Kirche vor 70 Jahren sich verschlossen hatte und viele Christinnen und Christen feige waren und keine Mut fanden, dem Unrecht angesichts brennender Synagogen zu widersprechen. Das Versöhnungsgebet eines jüdischen Rabiners aus den 1930ziger Jahren wurde abschließend verlesen.
Danach öffneten sich die Tore der St.-Gallus-Kirche zur Erinnerung an die Christen, die wie Dietrich-Bonhoeffer, sich für die Geschundenen dieser zeit öffneten und ihre Stimme für die Opfer des Nationalsozialismus erhoben. Kantorin Ulrike Bantleon-Bader führte zusammen mit einem Projektchor und instrumentaler Begleitung kurze Stücke aus dem Dietrich-Bonhoeffer-Oratorium vor. Beeindruckend die Vertonung des Bonhoeffer-Zitates: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen.“ A.C.K.-Vorsitzende Frau Rita Bastian-Doo und Pfarrer Jürgen Ebert lasen dazu Texte Dietrich Bonhoeffers vor: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.“
Die Frauenbeauftragte der Welzheimer Moschee Vildan Karatas und Ismail Baysal vom interreligiösen Welzheimer Dialog luden dann zu türkischem Tee und schwäbischen Hefezopf im Kirchcaféraum von St.-Gallus ein. Das Vorstandsmitglied des türkisch-islamischen Kulturvereins Welzheim Tuncay Cetin schenkt den Tee mit aus. Der Friedensweg endete mit Gesprächen und Begegnungen zwischen Menschen aus verschiedenen Kirchen, verschiedenen Religionen, verschiedenen politischen Parteien und gesellschaftlichen Gruppen. Beeindruckt zeigten sich die muslimischen Teilnehmer über das mutige Leben und Sterben Dietrich Bonhoeffers, der in vielen Kirchen als Märtyrer und fast wie ein Heiliger verehrt wird. Der erste ökumenische Welzheimer Friedensweg gedachte würdig und beeindruckend den 70zigsten Jahrestag der Reichspogromnacht. Er blieb nicht in der Vergangenheit stehen, sondern führte durch die Begegnung und Einbeziehung der muslimischen Mitmenschen in die Gegenwart und führte so die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Beeindruckend, dass hinter den Kulissen Menschen konfessions- weltanschauungs- und religionsübergreifend ehrenamtlich miteinander zum Gelingen dieses Friedensweges gemeinsam und miteinander beigetragen hatten. Ein Stück Frieden vor Ort für den Ort.
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