Pierre Stutz in St. Gallus
Stutz
Welzheim (mb).
Die evangelische Kirchengemeinde Welzheim und das ökumenische Montagsfriedensgebet haben ein Lesekonzert bei Kerzenschein mit dem Schweizer Schriftsteller Pierre Stutz veranstaltet.
Dunkel und feuchtkalt wirkte der Kirchplatz an diesem herbstlichen Abend. In warmes Kerzenlicht hingegeben war die St.-Gallus-Kirche getaucht. Dazu gab es Orgel- unViolinenklänge zu traditioneller geistiger Abendmusik verfasst von Hans-Jürgen Hufeisen, feinfühlig und stimmungsvoll gespielt von Kantorin Ulrike Bantleon-Bader und Ingrid Hägele. Eine stattliche Gemeinde hatte sich an diesem Wochentag versammelt, dazu viele Menschen mittleren und jüngeren Alters, die nicht zu dem sonntäglichen Stammgästen gehören.
Pfarrer Markus Eckert begrüßte die Versammelten und erinnerte sich daran, dass ein Buch von Pierre Stutz das erste Geschenk seiner Frau an ihn war. Mittendrin, ruhig, andächtig, bescheiden und die Anwesenden in den Bann ziehend Pierre Stutz mit seinem neuen Buch Geborgen und frei - Mystik als Lebensstil. Pierre Stutz zählt mittlerweile zu den erfolgreichsten Europäischen geistigen Schriftstellern mit fast einer Million verkauften Büchern und unzähligen Vorträgen. Was den Menschen Pierre Stutz so anziehend macht ist seine Stimme, seine Ausstrahlung, seine Art menschenfreundlich und aus der Mitte heraus seine Glaubenserfahrungen zu vermitteln. Eine gebannte Stille herrscht in der Kirche, wenn Pierre Stutz erzählt: „Ich bin mit einer Entscheidung nicht einverstanden, doch will ich dir nicht im Wege stehen" - mit diesen Worten begegnet ihm sein Vater, als er eine andere Ausbildung wählt wie von den Eltern gewünscht."Konkreter kann nicht ausgedrückt werden, was in den Kapiteln meines Buches als mystische Lebensgestaltung von mir hervorgehoben wird: Aufgehoben sein in der Verschiedenheit, Geborgensein in der Freiheit", so Stutz. „Schließe die Augen, schaue nach innen, um klarer sehen zu können", meint er weiter. Wir können alle mystische Menschen sein, die die Tiefendimension in ihrem Leben suchen: Menschen die Momente erleben, in denen Raum und Zeit wie aufgehoben sind. Menschen, die in ihrer Achtsamkeit voll da sind und ganz weg. Menschen, die die geheimnisvolle Gegenwart Gottes in allem spüren." Danach erzählt von Menschen die ihn prägten, den Lebensgeschichten der alten Mystikerinnen und Mystikern mit denen er sich seit Jahren beschäftigt. Alles durchzogen von seelischer Tiefe und herzhaften Humor.
Dabei zeichnet er ein menschliches und lebensbejahendes Gottesbild und zitiert Dorothee Sölle: „aus dem befehlenden Herrn wird der Geliebte und aus dem Später das Jetzt." Mystik ist für den Autor die Vergegenwärtigung des verborgenen Lebens mit Gott. Du bist gesegnet, werde du selbst, wachse über dich hinaus, lass dich zur Liebe verwandeln lauten die einzelnen Kapitel seines Buches. Dazu jeweils ein Gebet, ein Segen und eine Kombination mit einem Film wie z. B. Cinema Paradiso. In diesem Kinofilm erzählt Pierre Stutz wird dargestellt, wie der Pfarrer eines sizilianischen Dorfes jeden Film, der im Dorfkino gezeigt wird zuvor begutachtet und alle Kussszenen durch den Mesner entfernen läßt. Das geht dreißig Jahre lang. Dann stirbt der Mesner und man findet in seinem Nachlass eine große Filmrolle. Als diese angeschaut wird folgt Kuss um Kuss. Der Mesner hatte alle vom Pfarrer entfernten Kussszenen gesammelt und zusammengefügt. Pierre Stutz meinte: „ Küssen ist beten" und sprach sich für einen Glauben, der die Schönheit des Lebens wahrnimmt aus. „Niemand ist gottlos! Nein, keine und keiner wird Gott je los", so der Schriftsteller.
Martin Becker bedankte sich bei Pierre Stutz für den für ihn beeindruckenden Abend: „Deine Worte, die Musik, die Kerzen, die strahlenden Augen der Menschen lassen etwas vom gegenwärtigen und lebendigen Christus spüren." An einem Büchertisch signierte Pierre Stutz seine Bücher und sprach mit den Menschen die immer wieder zum Ausdruck brachten, dass dieser Abend ihnen ihren Wunsch und ihrer Sehnsucht nach einer spirituellen Kirche näher gebracht hat. Pierre Stutz verstand es einen Raum für die inneren Bedürfnisse vieler Menschen zu öffnen und ihre Seelen zu berühren.