Neue Läuteordnung

Glocke 1Welzheim (ek).

Der Kirchengemeinderat der evangelischen Kirchengemeinde Welzheim hat eine neue Läuteordnung für St.-Gallus beraten und beschlossen.

„Seit Jahren beschäftige ich mich mit Glocken und deren Läuteordnungen.“, meint Martin Becker. „Vielleicht liegt es an eine frühkindlichen Prägung. Meine beiden Patentanten waren Diakonissinnen und so standen auf meine Modelleisenbahnanlage mehr Kirchen wie Wohnhäuser“, meint er schmunzelnd. Pfarrer Jürgen Ebert hatte Martin Becker gebeten, einen Vorschlag für eine Glockenordnung zusammen mit Claus Huber, dem Glockensachverständiger des Evangelischen Oberkirchenrates in Stuttgart, zu erstellen.

„Glocken zählen zu den ältesten Musikinstrumenten der Welt. Schon vor 4.000 Jahren befanden sich Glocken in chinesischen Tempeln. Über Indien gelangen sie nach Europa und erstmals in den Jupitertempel in Rom,“ erzählt Becker weiter. Schon die alte Kirche verwandte Glocken als Ruf zum Gebet und Gottesdienst. Interessanterweise soll der Prophet Mohammed bereits im 6. Jahrhundert in einer Ratversammlung gemeint haben, dass Glocken eine christliche Sache seinen und deshalb wurde der Gebetsruf per Muezzin eingeführt. Ein weiterer Hinweis enthält eine Erzählung, nach der Kaiser Karl der Große einen Kirchenprototyp einführt. Dieses Kirchenmodell sah vor, dass der Glockenturm der Kirche im Westen erbaut wurde. Symbolisch sollte damit zum Ausdruck gebracht werden, dass die Gläubigen unter dem Schutz und Klang der Glocken von der Dunkelheit ins Licht zogen. „Der Turm befand sich also dort, wo die Sonne unterging und die Dunkelheit begann, der Altar jedoch im Osten, dort wo die Sonne und das Licht aufgeht“, führt Becker weiter aus.

Glocke 2Der Heilige Franz von Assisi begegnete dem Sultan El-Kamil im 13. Jahrhundert und war sehr beeindruckt vom fünf maligen Ruf des Muezzin zum Gebet. „Angeblich führte deshalb der heilige Franziskus den Ruf per Glocke zum täglichen Gebet für alle Christenmenschen ein.“ Dies erzählte Becker die Mutter Oberin eines Frankziskanerinnenklosters.

„Glocken sind ein altes Symbol für die innere Stimme, den Herzschlag und Ruf Gottes in der Welt. Sie rufen zum Gebet und laden zu den Gottesdiensten ein.“, so Becker. Es gibt sieben christliche Gebetszeiten im Kloster. Dieses Stundengebet bezieht sich auf die Worte des Psalms 91, Vers 4: „Siebenmal des Tages lobe ich dich um deiner gerechten Entscheidungen willen.“ Die Zahl ist eine heilige Zahl. Sie erinnert an die sieben Schöpfungstage der Heiligen Schrift. Nach der Eroberung Konstantinopels, dem für die Christenheit heiligen Byzanz, mit dem größten christlichen Gotteshaus, der Hagia Sophia, durch Sultan Mehmed II. , verordnete Papst Calixtus III., dass täglich um 12 Uhr mittags eine Glocke zum Gebet zur Abwehr der Kriegsgefahr geläutet wird. Die Reformation und der württembergische Herzog Ulrich bestätigten diese nun mehr acht Gebetszeiten. Nach dem Friedensvertrag 1718 zwischen Kaiser Karl VI und Sultan Ahmed III., wurde das Läuten um 12 Uhr zum Gebetsruf um Frieden in der Welt.

Glocke 3Die St.-Gallus-Kirche verfügt über ein Dreiergeläut. Es symbolisiert die Dreifaltigkeit und besteht aus der Bet-, Kreuz- und Taufglocke. Die Kreuz- und Taufglocke wurden nach einer besonderen französichen Gußtechnik gefertigt und sind eines der wenigen barocken Teilgeläute der Landeskirche. Auf beiden Glocken befindet sich der Name der Gräfin von Welzheim, Wilhelmine von Grävenitz. Die Mätresse von Herzog Eberhard Ludwig. Wohl einmalig auf der Welt.

Für dieses Dreiergeläut hat der Kirchengemeinderat eine neue Läuteordnung beschlossen. Sie gilt ab dem 1. Advent. Es folgen die Gebetsrufe - 6 Uhr: werktags, Morgenläuten, Erinnerung an Jesu Auferstehung und Ruf zum Morgengebet, Betglocke - 11 Uhr: werktags, Kreuzläuten, Erinnerung an Jesu Kreuzigung und Gebetruf für alle Leidenden, Kreuzglocke - 12 Uhr: täglich, Mittagsläuten, Ruf zum Gebet um Frieden, Betglocke - 15 Uhr: werktags: Schiedläuten, Erinnerung an Jesu Todesstunde, Kreuzglocke, nach einer Pause, ruft die Betglocke - zum Gebet eines Vaterunsers angesichts von Tod und Sterben. - 18 Uhr, täglich: Abendläuten, Ruf zum Abendgebet, Betglocke - 15 Uhr, samstags bzw. vor einem Feiertag, Einläuten des Sonn- bzw. Feiertags, alle drei Glocken, das werktägliche Schiedläuten zur Todesstunde Jesu verwandelt sich in die Vorankündigung der Auferstehung Christi. 24 Uhr, Neujahr: Einläuten des neuen Jahres, Tauf-, Kreuz- und Betglocke. Vor allen werktäglichen Gottesdiensten, Konzerten, Kirchenmusiken, Tauf,- Trau,- und Beerdigungsgottesdiensten läutet eine halbe Stunde vor Beginn die Kreuzglocke. Sie ruft zum Gottesdienst. Zu Beginn dieser Gottesdienste folgt nach dem Uhrschlag folgendes Geläut:

  • Beerdigungsgottesdienste: Tauf- und Betglocke
  • Kindergottesdienste: Tauf- und Kreuzglocke
  • Konzerte und Kirchenmusik: Kreuz- und Betglocke
  • Passionsandachten: Tauf- und Betglocke
  • Schulgottesdienste: Tauf- und Kreuzglocke
  • Taufgottesdienste: Tauf- und Kreuzglocke
  • Traugottesdienste: Tauf-, Kreuz- und Betglocke
  • Werktagsgottesdienst: Kreuz- und Betglocke

Vor allen Gottesdiensten an einem Sonn- , Feier- oder Gedenktag läutet eine Stunde vor Beginn die Kreuzglocke ein Zeichen und ruft zum Morgengebet. Eine halbe Stunde vorher läutet die Betglocke und lädt zum Kirchgang ein. Zu Beginn des Gottesdienstes folgt nach dem Uhrschlag das volle Geläut mit der Tauf-, Kreuz- und Betglocke für eine halbe viertel Stunde. Das Zusammenläuten ist die erste liturgischen Handlung des Gottesdienstes; dabei versammelt sich die Gemeinde und stimmt sich durch Stille und Gebet auf den Gottesdienst ein, so das württembergische Gottesdienstbuch. Dadurch gewinnt der Pfarrer, bzw. die Pfarrerin auch einen Puffer bei Doppeldiensten.

Während die Gemeinde das Vaterunser in der Kirche betet, läutet die Betglocke und ruft die Zuhausegebliebenen und die Kranken zur Teilnahme am Gebet der Gemeinde auf. Die Taufglocke läutet während ein Kind getauft wird und ruft die Gemeinde zum Gebet für den Täufling. Feiert die Gemeinde das Heilige Abendmahl, läutet während der Einsetzungsworte die Kreuzglocke zur Erinnerung an Christi Gegenwart an die ganze Gemeinde.

Becker wünscht sich: „daß Menschen durch den Klang der Glocken das Gebet, die geistigen Wurzeln und Schätze unserer Kirche neu entdecken und erleben, dass Herzen der Stadt ein Gotteshaus steht, in dem etwas erfahrbar ist von den von guten Mächten, die uns treu und still umgeben und jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet.“