Nachruf von Stockhausen
Nachruf von Stockhausen
Welzheim (mb).
Der Künstler Prof. Hans-Gottfried von Stockhausen ist
verstorben. Er hat die wertvollen Kirchenfenster von St.-Gallus erschaffen.
Dazu Gedanken und Erinnerungen zum Tod von Hans-Gottfried von Stockhausen von
Pfr. i.R. und Ehrenbürger Eberhard Braun.
„Ich habe gelernt. dass es etwas Ganzes gar nicht gibt, dass alles nur auf dem Wege zum Ganzen ist", sagt Hans Gottfried von Stockhausen, der Glasmaler aus Buoch in dem 1985 von Gisela Reich gedrehten Fernsehfilm „Jeder Mensch braucht etwas Wüste".
Der Wüstensatz stammt aus dem Zeltbuch von Tumilat von Erhart Kästner und wird nicht zufällig zum Titel eines Porträts des Künstlers von Stockhausen. Denn dort, in der Wüste Ägyptens, beginnt sein künstlerischer Weg.
Geboren 1920 auf der hessischen Trendelburg, wäre er im Mai 90 Jahre alt geworden.
Sein Tod am 9. Januar 2010 ist ein großer Verlust für alle, die ihn gekannt haben, für die Kirchen in diesem Land und viele Menschen weit darüber hinaus, denn Hans Gottfried von Stockhausen hat mit seiner Kunst in vielfältiger Weise an vielen Orten das Evangelium zum Leuchten gebracht wie kaum ein anderer.
Seitdem ihm in jenem Gefangenlager in Ägypten ein Neues Testament durch den Zaun zugesteckt wurde, ist er mit den Geschichten und Bildern der Bibel umgegangen. Darauf angesprochen, dass dies ziemlich unzeitgemäß sei, hat er 1987 in einem Gespräch bekannt, dass „ich in solchen „Grundbildern" zeitlose, geradezu archetypische Aussagen oder Verhaltensweisen erkenne...Mir kommt es nicht auf die Ausnahmesituation, auf das Spektakuläre an. In diesem Zusammenhang sehe ich in den scheinbar einfachsten Begegnungen und Umständen den möglicherweise tiefsten Bezug zur Schöpfung". Die Kunst müsse „uneingeschränkt zur Mitmenschlichkeit beitragen" (zit. nach H.G.v.Stockhausen, Licht und Raum, S. 37).
Hunderte von Kirchenfenstern im In-und Ausland geben heute Zeugnis von seinem Schaffen und der darin sich entwickelnden und ausdrückenden Menschlichkeit. Seine Werke sind in mehr als 130 Orten Württembergs und Deutschlands, so in Konstanz, Ulm, Stuttgart, Leipzig, aber auch in Seattle, Straßburg, Cardiff und Edinburg zu finden - auch in unserer Umgebung: in Murrhardt und Beutelsbach und Welzheim!
1968 wurde Stockhausen an die Stuttgarter Staatliche Akademie der bildenden Künste berufen und von 1970 bis 1985 war er dort Professor auf dem Lehrstuhl für Glasmalerei und Mosaik. Für die Gestaltung seiner Glasbilder und Fenster hat der Künstler nicht nur alte handwerkliche Techniken wieder belebt, sondern auch neue Bearbeitungsmethoden entwickelt.
Licht und Raum ist sein Thema: „Der Versuch über das Licht nachzudenken, das Sinngebende, das Raumschaffende nachzudenken, ist auch ein gutes Stück meiner Lebensgeschichte", sagt Stockhausen und dass er wie kaum ein anderer ein Gefühl für den Raum hatte, zeigen (auch) die Fenster in der Welzheimer Gallus-Kirche.
Über Hans Kaiser, den zu früh verstorbenen Welzheimer Protestanten, kam der Kontakt zum in Buoch lebenden Künstler zustande. Eine 1981 im Rahmen einer Friedenswoche durchgeführte Ausstellung mit Werken von Stockhausens im Dietrich-Bonhoeffer-Haus weckte den Wunsch nach Fenstern dieses Künstlers in der St. Gallus-Kirche. Ab 1983 machte sich ein kleiner Kreis Gedanken über den Weg dorthin, über theologische Inhalte und Motive. Zwei Fenster sollten es sein, je eins links und rechts der Kanzel - Taufe und Abendmahl, die Sakramente der evangelischen Kirche, sollten sie zur Anschauung bringen.
Es werde schwer sein, sagte Stockhausen bei einem ersten Besuch der Kirche: Die Fenster seien groß, die Gefahr, dass sie dem Prediger sozusagen das Wort aus dem Mund nähmen und den Hörer erschlügen, müsse vermieden werden. 1986 legte Stockhausen dem Kirchengemeinderat seine Entwürfe vor. 1989 bei der Wiedereröffnung der auch rettendem Rat von Stockhausens innen erneuerten St. Gallus-Kirche, wurden sie „in Betrieb genommen". Zugleich wurden die Entwürfe für zwei weitere Fenster vorgestellt: „Versuchung" und „Verheißung".
Es ist schwer zu beschreiben, was der Weg zu diesen vier Fenstern für jene, die ihn mitgehen durften, bedeutete und noch bedeutet:
Ein Ringen um Inhalt und Form, Besuche in Kirchen mit Stockhausenfenstern und in der Glaswerkstatt Saile in Stuttgart, Beratungen im Kirchengemeinderat, Ideen und Aktivitäten zur finanziellen Verwirklichung, vor allem aber unvergessliche Begegnungen und Gespräche mit einem außergewöhnlichen Künstler, der war, was er in seiner Kunst vor unsere Augen stellt, ein liebender, warmherziger Mensch.
Das Glück, durch die Begegnung mit ihm und seinem Werk von einer ungeheuren Fülle und Weite berührt worden zu sein, ist groß. Umso schwerer ist es nun, ihn, der so viel gegeben hat, ziehen zu lassen.
Es bleibt, wie immer, die Erinnerung. Aber eben nicht nur:
Für Welzheim bleiben vier Kirchenfenster, die seine Handschrift tragen und jene Botschaft, die er mit eigener Hand dort - Vater, Mutter und Kinder umschließend und verbindend - eingeschrieben hat: ...nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen
Das ökumenische Friedensgebet gedenkt am Montag, 18. Januar um 19 Uhr in der St.-Gallus-Kirche dem verstorbenen Künstler Prof. Gottfried von Stockhausen.