Kreuzweg
Welzheim (mb).
Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Welzheim hat den mittlerweile traditionellen 12. Kreuzweg durch die Stadt begangen, der in das Friedensgebet der St.-Gallus-Kirche mündete.
Es werden jährlich weniger Menschen, die zu Beginn der heiligen Karwoche, den dramatischen Beginn eines Bogen den das Christentums vom schrecklichen Leiden des Christus, über seinen Tod, hin in die Auferstehungsfeiern des Osterfestes schreitet, mitgehen. Ein Zeichen für die rasant voranschreitende Entkirchlichung, die auch Welzheim immer mehr erfasst. "Eh schau mal, ein Kamerateam geht durch Welzheim", meinten drei Jugendliche, die den Kreuzweg auf der Höhe von Bethel sahen. Ein Zeichen für Entfremdung von kirchlichen Riten. Schon die Psalmen der Bibel klagten über den Verlust des Glaubens in der Gesellschaft: "Hilf, Gott, die Frommen haben abgenommen, und der Gläubigen sind wenig unter den Menschenkindern. Einer redet mit dem andern unnütze Dinge; sie heucheln und lehren aus unreinen Herzen." Worte der Kritik an eine Gesellschaft die mit ihren geistigen Wurzeln bricht, der ihre ureigenen Traditionen fremd werden und die nur noch aus Ichlingen besteht, die ihrer Ichhaftigkeit leben. Doch in der Heiligen Schrift findet sich auch eine schonungslose Klage über den Zustand der Religion: "So spricht Gott: Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Tut weg von mir das Geplärr eurer Lieder. Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach."
Der diesjährige ökumenische Kreuzweg nahm diese beiden Pole auf und begab sich einfühlsam, offen und ehrlich in deren Spannungsfeld: das Leiden der Kirchen und das Leiden an den Kirchen.
Doch zuerst stellen sich die Laien und Geistlichen dem Leiden der Menschen in der Gesellschaft. Eine Prozession begann an der Christuskönigkirche mit Liedern, Bibellesungen, Gebeten und Gedanken. Dann wurde ein schlichtes Holzkreuz zu Orten, Bethel, ATB, Alter Friedhof, ehemaliges KZ in der Stadt getragen, um sich mit dem Leiden der Leidenden zu verbinden.
Der Kreuzweg endete in der St.-Gallus-Kirche und das Leiden in und an der Kirche kam während des Friedengebets zum Ausdruck. Während einer Zeremonie wurde eine Kerze für alle Menschen, die sich als Opfer der Kirchen fühlen, entzündet, auf den Taufstein für alle sichtbar gestellt und ein Gebet gesprochen. In bewegenden Worten brachten Rita Bastian-Doo und Martin Becker ihre Gefühle zur Krise in den Kirchen, über die Missbrauchsfälle und den Umgang der katholischen Kirche damit zum Ausdruck. Tiefe Betroffenheit und Ratlosigkeit war aus den Worten Rita Bastian-Doos zu spüren sowie unendliche Scham.
Martin Becker zitierte Antoine de Saint-Exupéry: „Es wehte ein Sturm durch das Land und machte die Herzen der Menschen kalt und die Kirchen leer" und führte weiter aus. „Das erlebe ich und es erschüttert mich zu tiefst. Unsere Kirchen werden leerer, verschwinden und gehen unter. Das tut weh. Fassungs- und hilflos stehe ich einer Gesellschaft gegenüber die sich vom Urgrund des Lebens, von der Weite und Tiefe des Lebens abschneidet. Unsere geistigen Wurzeln werden gekappt, die inneren Schätze für die Seele gehen verloren und mit jeder verwaisten Kirche stirbt die Mitte eines Ortes, seine Seele. Woher kommt dieser zerstörerische Drang? Es ist für mich, wie wenn der moderne Mensch das Meer austrinken und den Horizont wegwischen möchte und sich aufgemacht hat zu seiner scheinbar größten Tat: Gott zu töten.
Doch ich habe auch erfahren, dass unbeschreibliches Leiden von den Kirchen ausgeht. Für mich wird in diesen Augenblicken der Christus durch die Kirchen verhüllt, verdeckt, unsichtbar gemacht. Die Weite und Größe des Reichsgottesgedanken wird durch die Mutlosigkeit und das Wagnis zu Schwächen zu stehen aufgegeben. Doch der Tiefpunkt ist für mich immer auch ein Wendepunkt. Das lehrt mich mein Hoffnungsschimmer und Silberstreif am Horizont - jetzt erst Recht: die zurückgetretene Bischöfin Margot Käßmann. Bleibe bei dem was dein Herz rät - und mein Herz sagt mir klar - es tut mir leid - ich weiß aus vorausgegangenen Krisen: Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Glaubwürdigkeit angesichts von Schreckens. Was für ein Vorbild an Glaubwürdigkeit - Würde - Größe.
Mit Gebeten für die Opfer, Täter und Täterinnen in den Kirchen, Schweigeminuten, einem Vaterunser, Liedern und Segen endete das Friedensgebet.
Viele Besucherinnen und Besucher bedankten sich für den Mut, die Klarheit und die Hoffnung die von diesem Kreuzweg und der Station in der Kirche für die Kirche, ausging.