Allgäu

Welzheim (mb).

Der interreligiöse Dialog Welzheim und das Friedensgebet veranstalteten eine mehrtägige Begegnungsfreizeit im Allgäu. Integration bei bayrischen Germknödel und Bienenstich in einem Oberstaufener Café, Moscheedialogbeauftragter Rifat Bakkal, Frauenteam Moschee Sevim Sahin und Kirchengemeinderätin Gertrud Trinkle

Im Reisegepäck befanden sich noch die Worte zum Tag der deutschen Einheit von Bundespräsident Wulff: „Als ihr aller Präsident fordere ich, dass jeder Zugewanderte sich mit gutem Willen aktiv in unsere deutsche Gesellschaft einfügt. Wer in Deutschland leben will, muss sich an diese geltenden Regeln halten und unsere Art zu leben akzeptieren. Die Probleme im Zusammenleben müssten klar benannt werden. Dazu gehörten "das Verharren in Staatshilfe, Kriminalitätsraten, Machogehabe, Bildungs- und Leistungsverweigerung. Muslime könnten in Deutschland ihren Glauben in würdigem Rahmen praktizieren. Die zunehmende Zahl der Moscheen zeuge hiervon. Gleichzeitig erwarten wir, dass Christen in islamischen Ländern das gleiche Recht haben, ihren Glauben öffentlich zu leben, theologischen Nachwuchs auszubilden und Kirchen zu bauen."

Dazu die Gedanken des türkischen Europaministers Gül nach: „Zugewanderte in Deutschland aus der Türkei Sie sollen die deutsche Sprache lernen und sich den Sitten und Gebräuchen anpassen und zwar fließend und ohne Akzent", sagte Gül. „Sprache sei das wichtigste Mittel bei der Integration.

Doch die Welzheimer Mitmenschen aus Moschee und Kirche hatten noch ganz andere Dinge auf ihre gemeinsame Reise mitgenommen: ein gewaltiges kulturelles Programm, Offenheit, gegenseitigen Respekt und jede Mengen Speisen. Unter den 25 Reisenden zwischen einem und achtzig Jahren waren der türkische Lehrer Kemal Bilir und Imam Sitki Yilmaz mit Frau aus Welzheim.

Über 800 km legte die Dialoggruppe zurück und reiste dabei durch das deutschsprachige Dreiländereck. Stützpunkt war ein Bauernhof mit Ferienwohnungen zu Füßen des schneebedeckten Allgäuer Hochgrates. Von dort ging es in das durch seine Schrothkur bekannte Oberstaufen zum Kuchenessen und Besichtigen der katholischen Pfarrkirche St.-Peter-und Paul. In diesem Gotteshaus befindet sich eines der größten Kruzifixe nördlich der Alpen. Durch eine Öffnung im Tabernakel blickt man direkt in das Gesicht des Gekreuzigten. Dieser Anblick soll in den Betrachter/innen Betroffenheit auslösen und zur Barmherzigkeit führen.

Auch fand in dieser kleinen bayrischen Stadt der Besuch einer evangelisch-lutherischen Messe in der Heilig-Geist-Kirche statt, gehalten von einer jungen Pfarrerin und einer ehrenamtlichen Lektorin.

Eine Stadtführung durch Wangen im Allgäu führte unter anderem in das kleine gotische Standesamt, das als eines der kleinsten der Welt gilt und in die St.-Martin-Kirche mit einem prächtigen Madonnenbild.

Ein Abstecher nach Bregenz zum Besuch des Freitagsgebets in eine österreichische Moschee und der Altstadt von Lindau am Bodensee folgte. „Es sei hier alles so romantisch.", meinte eine Welzheimer Muslima. Die mit Malereien verzierten Häuserfassaden hatten es ihr angetan. Höhepunkt war die Fahrt in das Schweizer St.-Gallen und seinem Kloster das als Weltkulturerbe gilt. Hier konnten sich die Muslime über die Verbindung zwischen dem Schweizer Kloster und der St.-Gallus-Kirche informieren.

Die christlich-muslimische Gruppe widerfuhr die Ehre, die Bischhofskrypta mit den Reliquien des Heiligen Otmars zu betreten. Die Wächterin der Krypta meinte, sie hätte noch nie gesehen, dass Muslime sich dafür interessieren und fand es um so schöner mit dabei zu sein.

Besonders beeindruckt waren die Muslimas von der Stiftsbibliothek mit 170.000 Büchern, darunter auch ein historischer Koran und jede Menge Schriftstücke über die Heilkunst, die noch unter dem morgenländischen Einfluss entstanden. Die türkischen Frauen konnten sich kaum von den Schätzen des Klosters lösen, besonders als sie einen über 1000 Jahre alten Buchdeckel aus Elfenbein von Hand geschnitzt entdeckten. Es war ursprünglich der Einband eines Evangeliums, der Szenen aus dem Leben Jesu darstellt, umgeben von islamischen Ornamenten. „So einfach gehören wir zusammen", meinte Vildan Karatas die Frauenbeauftragte der Moschee.

Für viele muslimische Frauen war dies der erste Urlaub in Deutschland. Eine Teilnehmerin berichtete, dass sie seit 31 Jahre hier lebt, doch erstmals in einer Pizzeria essen war. Dabei löste zu ihrer Überraschung der Holzbackofen in der italienischen Gaststätte Erinnerungen an die türkische Heimat aus. Miteinander Essen war sowieso ein großes Thema der Gruppe. Die bodenständige Allgäuer Küche in einem typisch bayrischen Lokal war doch etwas zu befremdlich für die Welzheimer Türken, dafür ging ihnen auf der Königsalpe das Herz auf bei von der Bäuerin selbstgebackenen Kuchen, serviert mitten in einer typischen Bauernstube mit Kuhglocken und Holzofen. „Ein Holzhaus, wie bei uns in der Türkei in meiner Kindheit", schwärmte eine Welzheimer Türkin und eine weitere schmunzelte: Vielleicht sollten die Politiker einfach mehr mit uns essen und reden, statt über uns und Integration zu debattieren. Auch das traditionelle Dirndl der Wirtshaustochter, die die Gruppe bediente, fand bei den türkischen Frauen Gefallen. Sie konnten sich sogar eine Schwiegertochter in einem solch schönen Kleid vorstellen.

Begeistert waren jedoch alle Welzheimer von der Gastfreundschaft der Familie Weh in den Ferienwohnungen. Die Kinder und sogar Erwachsenen konnten so richtig nach Herzenslust in der Spielscheune bei Tischfussball, Eishockeyspielbrett und einem Trampolin toben. Dazu wurden einige zu Zeugen, wie im Stall eine der 30 Kühe, ein Kalb zur Welt brachte. Bis in die tiefe Nacht hinein saßen alle in der Bauernstube zusammen mit den Bauersleuten und erzählten einander. Dabei stand ein gewaltiges, aus Welzheim mitgebrachtes Buffet unter dem Herrgottswinkel. Zusammen mit der alten Bäuerin kochten die Muslimas in der privaten Küche der Bauersfamilie türkischen Tee und versorgten die bayrischen Bauersleuten mit Essen während ihren Pausen den Tag über. Zur jungen Bäuerin meinten die Welzheimer Türkinnen: „Silke, du bist unser Vorbild." Eine solch moderne, modische und schicke Bäuerin, die mit Ehepartner, zwei Kindern, den Schwiegereltern einen so großen Hof mit Ferienwohnungen managet, hätten sie noch nie erlebt.

Die köstlichen türkischen Speisen im Reisegepäck zogen sich wie ein roter Faden durch die Tage und Begegnungen. Sie waren sozusagen die Integrationshilfe und der Ausdruck vieler Teilnehmerinnen, die noch nicht so gut deutsch konnten, für das gemeinsame Unterwegssein und das Mitgenommen werden durch deutsch-christliche Mitbewohner/innen. Die gemeinsame Freizeit war ein Versuch, die Integrationsdebatte durch Handeln, nicht durch Reden, zu führen.