Kreuz
Welzheim (mb).
Die evangelische Kirchengemeine Welzheim hat im Rahmen der Adventsfeier für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dem historischen Altarkreuz der St.-Gallus-Kirche im Dietrich-Bonhoeffer-Haus einen neuen Platz gegeben.
„War das eine schöne Adventsfeier!" war an diesem Abend immer wieder zu hören. Die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der evangelischen Kirchengemeinde hatten als Dankeschön für die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Fest zu Beginn des Advents gestaltet. Der große Saal des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses erstrahlte in einer warmen und stimmungsvollen Beleuchtung und es versammelten sich gut die Hälfte der 250 Ehrenamtlichen. Eine stattliche Zahl mit einem Durchschnittsalter von ca. 40 Jahren. Ungewöhnlich jung für eine Kirchengemeinde. Dazu gab es eine selbstentworfene Tischdekoration aus Tannenreisig und Kerzen. Die ehrenamtlichen Gäste hatten zudem einen bezaubernden Ausblick auf das in abendliches Licht und mit Schnee bekleidete Museumsgelände. Eine der schönsten Aussichten in der Welzheimer Innenstadt.
Das gelungene Programm bot Gesang, eine Bildmeditation über das Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf", Gruppenspiele und ein Abendessen mit einem Maultaschenwettbewerb. Jede und jeder konnte drei der schwäbischen Köstlichkeiten probieren und bewerten. Das allein sorgte schon für gute Stimmung und Gesprächsstoff. Die Siegermaultasche wird dann am nächsten Bazar angeboten.
Bei all dem wurden nun einmal die Hauptamtlichen von dem Ehrenamtliche bedient. Jedem Ehrenamtlichen wurde ein persönliches Danke ausgesprochen, ein Brief und ein Geschenk übergeben.
Höhepunkt des Abends war das Anbringen des historischen Altarkreuzes im Eingangsbereich des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses. Pfarrer Eberhard Bauer sagte dabei:"Wenn das Holzkreuz heute einen neuen Platz bekommt, ist es gut, wir machen uns klar: Was für ein Kreuz haben wir vor uns?
Hergestellt wurde es wohl im 19. Jahrhundert für die St.-Gallus-Kirche. In den 50erjahren aber hat es den Kirchengemeinderäten nicht mehr gefallen, und man hat den Beschluss gefasst, vom Ulrich Henn ein neues anfertigen zu lassen. Das kennen wir alle. Es hat heute noch seinen Platz in der Kirche auf dem Altar. Was aber macht man mit dem nun übrigen? Man kann einen Christus am Kreuz doch nicht einfach wegwerfen!
Die Zeit der Fertigstellung des neuen Kreuzes war zugleich die Zeit, in der viele kath. Flüchtlinge nach Welzheim gekommen sind. Diese waren zwar manchmal in unserer evangelischen. Kirche zu Gast, zumeist aber in einem „Betsaal" am Feuersee. Dekan Josenhans hat den Katholiken damals das Kreuz angeboten, und im Betsaal tat es einen guten Dienst.
Mit der Zeit wurde dann auch eine kath. Kirche gebaut. Die Kirche war schneller fertig als das Kreuz, das die kath. Kirchengemeinde dafür hat anfertigen lassen. Und so war es auch in der Kirche als Zeichen für den, an den wir glauben, nötig. Nach dieser Übergangslösung fand es dann einen Platz in der Sakristei dort.
Im Zuge von Renovierungsmaßnahmen hat man irgendwann die Sakristei frisch gestrichen. Und nun passte das Kreuz nicht mehr. Was damit tun? Der Malermeister Faas nahm es mit nach Hause, dort war es einige Zeit. Aber der hatte dann doch den Eindruck: Hier bei ihm ist es nicht am richtigen Platz. So kam das Kreuz in die kath. Kirche zurück. Zugleich suchte er Karl Katz in der Werkstatt des Museums auf. Der Name Katz steht in Welzheim für „Altes nicht gedankenlos wegwerfen". Vielleicht hat er sich gedacht: Der wird wissen, was man mit dem übriggewordenen Kreuz machen kann.
Karl Katz nahm sich der Sache an. Zusammen mit Flaschner Lindauer suchte er in der kath. Kirche nach dem Christus. Sie fanden ihn ohne Arm. Ein Bub gab ihnen einen wichtigen Tipp: hinten im Schuppen liegt der Arm. In den Jahren des Nicht-gebraucht-werdens war das Kreuz wohl irgendwann umgefallen oder herunter gefallen und hatte Schaden genommen. Nicht nur, dass ein Arm fehlte. Der andere hatte einen Riss. Auch der Querbalken des Kreuzes hatte eine Erneuerung nötig.
Karl Katz und Flaschner Lindauer haben sich der Arbeit angenommen. Auf einen Tisch legten sie einen Teppich, und dann nahmen sie sich des Patienten an. Ein Zunftspruch der Flaschner heißt: „Kinder betet, der Vater lötet." Das haben die beiden Restaurierer auch gemacht. Und dann begannen sie mit der Behandlung. Dass sie gelungen ist, sehen wir heute.
Aber: Es mussten nicht nur die Schäden beseitigt werden. Auch die Farbe brauchte eine Erneuerung. Zuerst haben die beiden die alten Farbschichten entfernt. 6 fanden sie, darunter Plattgold, weiß, braun, grün und bronze. Vor allem an der Krone war das Farbe-Entfernen eine sehr aufwendige Arbeit.
Aber wie soll die neue Farbe werden? Auch da machten die Restaurierer verschiedene Versuche. Eine spiegelnde Silberfarbe haben sie ausprobiert. Aber sie passte nicht. Also muss die Figur matt werden. So sehen wir sie heute. Hermann Koppenhöfer kümmerte sich um den schadhaften Querbalken des Kreuzes. Und damit waren die Arbeiten dann abgeschlossen.
Wo findet das Kreuz seinen Platz? Wieder in der St.-Gallus-Kirche? Das harmonierte nicht mit den Liedtafeln. 1999, während der 500-Jahr-Feier der St.-Gallus-Kirche, war das Kreuz vorübergehend im Museum ausgestellt. Danach wurde es in der großen Garage von Familie Katz aufbewahrt. Eine Verwendung hatte schließlich der Baptistenpastor Georg Schierling. Er nahm es mit auf eine Prozession in der Passionszeit.
Bald darauf ist der Pastor umgezogen - wo war das Kreuz geblieben? Karl Katz forschte nach, Jochen Wohlfarth hat es wieder gefunden. Gut so.
Wir sehen: Ein Kreuz kann man nicht einfach wegwerfen. Es braucht einen Platz. Ich denke, hier in diesem Haus hat es nun den richtigen Platz gefunden. Das Kreuz ist das Zeichen für Christus und es ist das Zeichen der Christen. Wenn hier Christen sich versammeln, dann ist es gut, das Kreuz erinnert uns immer wieder an den, zu dem wir gehören und nach dem wir uns nennen."