5 Jahre Friedensgebet
Das ökumenische Montags-Friedensgebet in der Welzheimer St. Gallus-Kirche feiert sein 5-jähriges Jubiläum. Ein Grund zu feiern, denn das Friedensgebet weist einige Besonderheiten auf. „Es ist ungewöhnlich, dass ein wöchentliches Friedensgebet von der Besucher- und Besucherinnenzahl her, immer mehr zunimmt“, meint Martin Becker. Becker organisiert und leitet das Friedensgebets und führt weiter aus, „Es kommen so um die 50 Menschen jeden Montag. Wahrscheinlich stillt das Friedensgebet das Bedürfnis der Anwesenden nach Spiritualität, Liturgie und Ritualen.“
Das Friedensgebet strahlt Herzens- und Seelenwärme aus. „Wenn ich einmal nicht dabei sein kann, fehlt mir etwas“, sagte eine der wöchentlichen Besucherinnen. Ist eine Besucherin, ein Besucher krank, werden auf einer Karte Unterschriften mit Genesungswünschen gesammelt und eine Kerze aus dem Friedensgebet überreicht dem oder der Kranken überreicht.
In der dunklen Jahreszeit beginnt das Friedensgebet mit einem Lucernarium. Dies ist ein altkirchliches Ritual, bei dem die Altarkerzen unter einem Gebet entzündet werden. Die Liturgie, das Gebet und die Lieder sind innerhalb eines Kirchenjahrabschnitts immer dieselben. „Es ist wie eine Meditation. Nicht mehr ich singe, sondern ich werde gesungen, ich werde gebetet. Ungefähr so wie beim Herzensgebet der orthodoxen Gläubigen“, erzählt Becker weiter. „In einer materialistisch geprägten Zeit ist das Gebet der Gläubigen der geistige Herzschlag der Gesellschaft“, so Becker. Dorothee Kimmerle spielt jeden Montag umsonst an der Orgel und ungefähr ein dutzend Laien gestalten abwechselnd einen Impuls im Friedensgebet. Zwei von den Laien engagieren sich bei Attac und einer war Schüler des badischen Pfarrers Heinz Kappes, der im Widerstand gegen den Nationalsozialismus tätig und ein Freund Martin Bubers war. „Erst durch das Du werde ich zum Ich“, zitiert Becker den jüdischen Buber. Das ist Anliegen des Friedensgebet, oder wie der indische Jesuit Sebastian Painadath meint: „Erst durch die Begegnung mit Andersgläubigen werden wir wahre Christen. Doch dies erfordert enorme Offenheit und Demut“. Darum geht es im Friedensgebet: Nicht um Vermischung oder Gleichmacherei, sondern um eine klare und selbstbewusst gelebte christliche Spiritualität. „Wir lassen uns im Friedensgebet vom Leid der Welt berühren, begegnen dem Zu-Grunde-Gehen, und finden auf dem Seelengrund des Daseins den geheimnisvoll gegenwärtigen Christus, der uns durch die Augen der Leidenden anblickt.“, so Becker. Vielleicht ist das die innere Anziehungskraft des Friedensgebets.
Die Besucherinnen und Besucher des Friedensgebets sind ganz unterschiedlich geprägt. Nicht nur der liberale Flügel der Kirche ist im Friedensgebet anwesend, auch Menschen aus dem Pietismus sind dabei. Zeichen dafür ist der Kerzentisch. Ein Hobbyschreiner gestaltete ihn auf seinem Bauernhof und schenkte ihn dann dem Friedensgebet. Dies ist wie eine Friedensbrücke innerhalb der verschiedenen kirchlichen Strömungen. Auch Becker selbst hat in seiner Biographie verschiedene Frömmigkeitsprägungen erfahren und lebt daraus. „Mit meiner Großmutter besuchte ich in den 80ern des vergangenen Jahrhunderts die „Stund“ und mit meiner Mutter die Friedensgottesdienste vor dem Raketenlager Waldheide in meiner Geburtstadt Heilbronn“, Für beides ist er dankbar und wünscht sich, dass beides im Friedensgebet weiter wirkt.
Das Friedensgebet bleibt nicht bei der Innerlichkeit stehen. Nach einem geistigen Impuls zieht die Gemeinde mit Kerzen durch das Kirchenportal vor das Gotteshaus, singt, betet und spricht den Segen dort in der Öffentlichkeit. In dieser Form fand auch ein Sonderfriedensgebet zum 50. Gedenktag des ersten Atombombenabwurfs und zum G-8-Gipfel in Heiligendamm statt. Es gehe um „Mystik und Widerstand“ meint Becker und zitiert damit Dorothee Sölle.
Das Friedensgebet versucht auch Brücken zu den Menschen am Ort zu bauen. Lange Zeit versah ein junger Bewohner eines Heims für Menschen mit Behinderungen den Mesnerdienst montags, bis er in ein anderes Heim zog. Nun hat ein Junge aus der Nachbarschaft diese Aufgabe übernommen. Auch konfessionslose Menschen besuchen das Friedensgebet.
Immer am letzten Sonntag im Monat schließt sich an das Friedensgebet ein Abendessen in einer Gaststätte an. Mit dabei ist eine Gruppe von Bewohnern einer Blindeneinrichtung.
Nachdem es in den früheren Jahren schon einmal ein Friedensgebet gegeben hatte, gab es einen Neuanfang nach den Terroranschlägen auf das World-Trade-Center am 11. September 2001.
Aufgrund der defekten Kirchenheizung der St. Gallus-Kirche fand der Neuanfang des Friedensgebets einmalig in der evangelisch-methodistischen Versöhnungskirche statt. Die Gebetsgemeinde zog damals in einer Kerzenprozession nach dem Friedensgebet zu einer Kundgebung gegen den Irakkrieg bei Schnee und Kälte vor das Rathaus und traf sich dort mit Vertreter/innen der Stadt, der Schulen und der Moschee. Danach wurde der Wunsch nach einem regelmäßigen Friedensgebet immer lauter. Regelmäßige Zusammenkünfte gibt es seit dem 10. März 2003.
Die erste Begegnung mit Männern und Frauen der Welzheimer Moschee fand im Frühjahr 2004 im Friedensgebet mit einer Kirchenführung mit einem anschließenden Abendessen im Dietrich-Bonhoeffer-Haus statt. Seitdem kommen auch solche, die sich über den interreligiösen Dialog informieren wollen, sowie Ehepartner, die in einer interreligiösen Ehe leben, zum Friedensgebet.
Viele Teilnehmerinnen des Friedensgebets waren auch dabei, wenn im interreligiösen Gesprächskreis gemeinsam mit den Muslimen und Muslimas Wanderungen im Welzheimer Wald durchgeführt oder als im Hohenloheschen eine Künstlerin besucht, wenn Kirchen- und Orgelführungen in der St. Gallus-Kirche veranstaltet oder als mit einer Reisegruppe Istanbul besucht wurde. Für das kommende Frühjahr ist eine Wochenendfreizeit an den Bodenseefahrt geplant. Höhepunkt eines jeden Jahres ist das Gutsele-Backen und -Essen bei türkischem Tee im geräumigen Eingangsbereich des Welzheimer Gotteshauses.
„Würde mich wie im Märchen eine Fee nach drei Wünschen für das Friedensgebet fragen, antwortete ich: ein Friedensfest mit den unterschiedlichsten Menschen in der St. Gallus-Kirche, einen runden Tisch von Welzheimer Menschen guten Willens, die sich um den sozialen Frieden vor Ort engagieren und ein mal im Jahr einen Predigttausch zwischen Friedensgebet und dem zweiten Gottesdienst Begegnung, als Friedensbrücke innerhalb der Gemeinde“, so Becker.
Das Jubiläum 5 Jahre Friedensgebet findet am Montag, den 10.03.2008 um 19 Uhr in der St. Gallus-Kirche mit anschließendem Zusammensein bei Gebäck, Getränken und Lichtbildern statt.